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Innovation setzt soziotechnisches Denken voraus

10.1.17
Autor: Prof. Dr. Anton Wäfler, Olten

Der soziotechnische Gestaltungsansatz berücksichtigt die qualitative Unterschiedlichkeit zwischen Mensch und Technik.

  • Der soziotechnische Gestaltungsansatz berücksichtigt die qualitative Unterschiedlichkeit zwischen Mensch und Technik.

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Viel wird heute von der Vierten Industriellen Revolution gesprochen. Dabei werden vor dem Hintergrund technologischer Entwicklungsschübe bahnbrechende Veränderungen erwartet, die die industrielle Produktion radikal verändern sollen. Insbesondere die Digitalisierung und die Vernetzung von Dingen (Internet of Things) sollen Innovationen ermöglichen, mit denen Konkurrenzvorteile gesichert werden können.

Das eigentliche Innovationspotenzial wird dabei allerdings nicht wirklich genutzt. Zwar wird mit grossem Engagement der technologische Fortschritt verfolgt und wo immer möglich werden technische Neuerungen auch eingesetzt. Damit werden auch tatsächlich Produktivitätsgewinne erzielt. Dies teilweise infolge effizienterer Technologien derselben Art, teilweise auch dank Technologien, die neue Verfahren ermöglichen. Der Ansatz bleibt aber technikorientiert. Das heisst, die Innovation wird primär in der technischen Erneuerung gesucht. Dabei werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt, neueste Technik in dafür ungeeignete Organisationsstrukturen zu implementieren. Bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts stellte die American Society of Manufacturing Engineers dazu fest, dass es wenig Sinn mache, Computer der dritten, vierten oder fünften Generation in Organisationen der zweiten Generation einzuführen.

Technologie und Organisation müssen passen

In unseren Studien finden wir genau dies auch heute noch. Technik-basierte Innovation wird systematisch und proaktiv vorangetrieben. Unsystematisch und reaktiv erfolgt demgegenüber Innovation in der Arbeits- und Organisationsgestaltung - und zwar häufig nur dann, wenn Probleme auftreten. So werden beispielsweise neue Produktionstechnologien eingeführt, deren eigentliche Potenziale nur dann wirklich ausgeschöpft werden können, wenn die zu produzierenden Werkstücke geeignet konstruiert sind. Klassischerweise sind Produktion und Konstruktion jedoch unterschiedliche Abteilungen mit ihrem je eigenen Gärtchendenken. Hier müssten innovative Formen der Zusammenarbeit von Produktion und Konstruktion entwickelt werden, um die Potenziale der neuen Technologie tatsächlich zu nutzen. Dies geling aber oft nicht.

Das Problem liegt in der einseitig technikorientierten Herangehensweise. Dabei wird Technik eingesetzt, um im Sinne des "working harder" besser zu werden. Dies geht mit einer Unterschätzung der Rolle des Menschen einher - um nicht zu sagen mit einer Geringschätzung der Rolle des Menschen. Um die Innovationspotenziale, die in neuen Technologien stecken, tatsächlich ausschöpfen zu können, muss sich dies ändern. Wir müssen innovative Formen des "working smarter" finden. Dazu müssen wir lernen, soziotechnisch zu denken und zu berücksichtigen, dass die eigentliche Innovation erst durch eine smarte Gestaltung des Zusammenwirkens von Mensch, Technik und Organisation entsteht. Entsprechende Gestaltungsmethoden sind in den Arbeitswissenschaften längst vorhanden.

Technologie darf den Menschen nicht aussen vor lassen

Der soziotechnische Gestaltungsansatz berücksichtigt die qualitative Unterschiedlichkeit zwischen Mensch und Technik. Technik wird nicht primär eingesetzt, um Menschen zu ersetzen. Vielmehr werden Mensch und Technik als sich komplementär ergänzend betrachtet. In geeigneter Kombination können sie zusammen Leistungen erbringen, zu denen weder der Mensch noch die Technik alleine fähig sind. In der Kombination steckt also das eigentliche Innovationspotenzial. Es kann jedoch nur sub-optimal ausgeschöpft werden, indem primär Technik perfektioniert wird und der Mensch quasi als ihr Anhängsel der Technik angepasst wird. Eine smarte Kombination von Mensch und Technik entsteht erst dann, wenn Technik gezielt so gestaltet wird, dass menschliche Stärken wie beispielsweise Leistungsmotivation, Fachkompetenz oder Erfahrungswissen gefördert und menschliche Schwächen wie beispielsweise die beschränkte Fähigkeit Informationen zu verarbeiten oder Ermüdung kompensiert werden. I4.0-Technologien bieten hier grosse Chancen, die wir nur dann nutzen, wenn wir beginnen soziotechnisch zu denken.


Über den Autor: Anton Wäfler ist Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Dank seiner nachweisbaren Praxiserfahrung in den Feldern von Safety & Human Factors, Sociological System Design, Organizational Development und Human-Computer Interaction, weist Professor Wäfler einmalige Fachkenntnisse im Bereich Psychologie am Arbeitsplatz auf. Er hat iafob GmbH mitbegründet, welches aus der ETH Zürich entstanden ist und einen Beitrag zu einer humanen, wirtschaftlichen und nachhaltigen Unternehmensentwicklung leistet.

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